Der Hölzerlips-Zyklus

Durch den Journalisten Dieter Preuss, der für den "Mannheimer Morgen" arbeitete, wurde Peter Schnatz (1940–2004) auf die Geschichte eines Raubüberfalls an der Bergstraße bei Hemsbach aufmerksam, den die sogenannte Hölzerlips-Bande im April 1811 begangen hatte. Ausgehend von einer Ballade, die einer der Beteiligten im Gefängnis verfasst hatte und die diese Gruppe um Dieter Preuss zur gründlichen Erforschung der Bande anregte, begann auch Peter Schnatz, sich künstlerisch mit dem Thema zu beschäftigen. In zehn Gemälden, fünf Siebdrucken und diversen Objekten bearbeitete der Künstler 1973 das Thema, das zu seinem ersten Zyklus wurde. 

Diese Gruppe aus vier Vaganten, die keine Pässe hatten und damit kein Bleiberecht, mussten sich als Taglöhner verdingen und konnten nirgends lange bleiben. Zu Beginn der 1970er Jahre war diese leicht romantisierende Betrachtung der Ausgestoßenen für fortschrittlich denkende Menschen ein gedanklicher Zufluchtsort geworden. Man hatte die ewigen politischen Diskussionen leid und wollte sich identifizieren mit den von der Gesellschaft Verachteten, zu denen man sich auch zählte. Peter Schnatz begann die Reihe seiner zehn Gemälde, die er in Acryl auf Leinwand ausführte, mit den Gaunerzinken oder Zinken, dem Kommunikationssystem der fahrenden Leute, die für Nichteingeweihte unverständlich sind. Sie wurden mit Kreide an die Hauswände und Zäune geschrieben, um so die nachkommenden Vaganten zu informieren, ob etwa Gefahr droht, es Geld zu holen oder etwas zu essen gibt in jenem Haus.

Das nächste Bild im Zyklus schildert den Treffpunkt der Bande, jedes Bild schildert eine Station der Geschichte: Es geht weiter mit dem Überfall, dem Raubwerkzeug, dem Tatort bis zum Blutgericht und der Hinrichtung in Heidelberg.

Was sich lapidar anhört und auch so sachlich von Peter Schnatz auf den Gemälden angezeigt wurde, z.B. durch schablonierte Überschriften, zeigt letztendlich eine dramatische und explizit tödliche Illustration des Geschehens. Langsam und friedlich beginnt es, mit der Landkarte und dem Grün des Höllengrundes (dem Lager der Räuber bei Waldbrunn/Odenwald), in Blau getaucht ist der eigentliche Raubüberfall, aber ein kräftiges Blutrot überschwemmt die Hinrichtung in Heidelberg. Erschütternd wird demonstriert, wie das Richtbeil veritabel den Hals durchtrennt. Bei aller Sachlichkeit sind Armut und Tod, Gewalt und Hinrichtung energisch demonstriert und nisten sich im Hirn des Betrachters ein.

 

 

Dr. Susanne Kaeppele

Fotos: Hans-Joachim Schröder – Künstlernachlässe Mannheim

www.kuenstlernachlaesse-mannheim.de